Lass uns über den guten Tod sprechen. Von der Euthanasie des Hundes.

vetevo: Euthanasie des Hundes
Svenja Kasselmann
Tierärztin bei vetevo

Lesezeit: 5 Min.

Ebenso tief wie unsere Zuneigung, sitzt unsere Furcht vor dem Augenblick des Abschiednehmens. Kaum ein Thema ist in der Tiermedizin so sensibel, wie die "Euthanasie", auch "Einschläfern" genannt. Die Vorstellungen eines würdevollen Abschieds gehen dabei mitunter weit auseinander. Im Zwiespalt zwischen menschlichem Empfinden, Verantwortung gegenüber dem geliebten Tier und Verpflichtung des Tierarztes zur Vermeidung unnötiger Leiden tun sich oft unüberwindbare Abgründe auf.

Unzählige schöne Momente verbinden uns mit unseren Tieren. Als Freund, Lebensbegleiter und Familienmitglied nehmen sie einen festen Platz in unserem Leben und unseren Herzen ein.

Eine sensible Annäherung an ein Thema, über das viel offener gesprochen werden sollte.

Euthanasie - Ein guter Tod?

“Wir müssen hier leider 'das böse Wort mit E' in Betracht ziehen”, hörte ich neulich eine Tierärztin zu einem Patientenbesitzer sagen. Ich schlug auf mentaler Ebene die Hände über dem Kopf zusammen. Phantastische Beschreibung einer eventuell auch positiven Aktion, dachte ich mir mit ironischem Unterton.
Dann ging ich weiter um den beiden ihren Raum zu lassen, der wahrscheinlich nur Raum für weitere Missverständnisse bot.
Der Abschied vom geliebten Tier ist ein sensibles Thema. In den Köpfen und so auch im Internet finden sich die verschiedensten Meinungen dazu, was ein "guter Tod" ist. Denn- entgegen seiner geschichtlichen Vorbelastung- bedeutet der Begriff "Euthanasie" seinem griechischen Wortursprung nach genau das: Einen schmerzfreien und sanften Übergang vom Leben in den Tod, der durch eine Überdosierung mit Schlafmitteln erreicht wird.
Einschläfern- ein wunderschöner Euphemismus.

Ein paar Tage nach der oben beschriebenen Situation hatte ich eine Diskussion mit meiner Mitbewohnerin, welche nicht im tiermedizinischen Bereich tätig ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich schockiert und auch ein wenig sauer, da ihrer Meinung nach der Schmerz zum Sterben dazu gehöre. Erst da wurde mir wirklich bewusst wie extrem die Meinungen auseinandergehen und dass viel mehr darüber gesprochen werden sollte.

Denn fehlender Austausch ebnet den Weg zur Misskommunikation und ist so ein ebenso zentraler wie vermeidbarer Bestandteil von Problemen und Ärger.
Ich möchte Tierärztin werden, mit Leib und Seele. Seit Beginn des Studiums steht der Tierschutz und die Vermeidung von Schmerzen im Fokus meiner tiermedizinischen Ausbildung. Aus gesetzlichen und vor allen Dingen ethischen Gründen ist unser Berufsstand explizit zum Schutze unserer tierischen Patienten berufen.

Somit versuche ich stets möglichst neutral den gesundheitlichen Zustand des Tieres einzuschätzen, um im Falle der Fälle das leidende Individuum erlösen zu können. Mir geht es darum den Leidensweg zu verkürzen und keine unnötigen Schmerzen aufkommen zu lassen.


Doch was sind unnötige Schmerzen? Wie kann man sie erkennen? Und wo fangen sie an?

So verschieden die Meinung zum Sterben und Sterbehilfe im humanen Sektor sind, so variieren auch die Ansichtsweisen beim „Einschläfern“ unserer haarigen Freunde.
Ein entscheidender Unterschied besteht allerdings in der Tatsache, dass Menschen, die im Sterbeprozess stehen, in den meisten Fällen klar äußern können, wenn sie starke Schmerzen haben und ärztliche Betreuung wünschen. So einfach gestaltet sich das bei unseren Tieren leider nicht.
Viele, besonders die Heimtiere und Vögel, zeigen im Normalfall nicht, dass sie unter Schmerzen leiden. Und so steht der Klinikbesuch häufig erst an, wenn keine Heilungschancen mehr bestehen und oft nur noch die Entscheidung bleibt, den unvermeidbar gewordenen Leidensweg zu verkürzen.


Wie kann man also ein schmerzhaftes Tier erkennen und bis zu welchem Level ist das Leben noch lebenswert?

Diese Fragen sind - nicht zuletzt wegen der eingeschränkten Ausdrucksfähigkeit unserer vierbeinigen Patienten - schwer zu beantworten. Die Abwägung von Lebensqualität und Belastung für das Tier erfordert Ihr Einfühlungsvermögen als Besitzer/in und empathische, aber professionelle Beratung durch die Tierärzte Ihres Vertrauens. Insofern ist die Entscheidung für oder gegen eine Euthanasie immer eine individuelle. In allen Fällen sollten dabei ganz klar die persönlichen Beweggründe dem Wohle des Tieres untergeordnet werden.
Gerade der letzte Punkt wird durch die emotionale Bindung zu einem jahrelangen Lebensbegleiter immens erschwert. Tiere werden oftmals als Familienmitglieder gesehen und haben einen sehr hohen Stellenwert im Leben der Besitzer.
Häufig resultiert daraus eine abwartende Tendenz. Für das Tier bedeutet dies oftmals physische wie auch psychische Belastung. Denn an keinem Hund geht spurlos vorbei, wenn Frauchen oder Herrchen teils über Wochen mit sich und der Situation kämpfen. Besonders wenn das weitere Vorgehen unklar ist.
Einige Besitzer wollen, dass alles für das Überleben des Tieres getan wird und sind auch mit Wiederbelebung und der künstlichen Aufrechterhaltung des Lebens einverstanden. Doch wo fängt Tierliebe an und wo hört sie auf? Ist die Wiederbelebung eine absolut nötige Handlung? Immerhin besteht die Chance, dass das Tier danach auf die dauerhafte Pflege des Besitzers angewiesen ist! Und wer entscheidet, falls der Besitzer gerade nicht anwesend ist, was im Notfall für Schritte eingeleitet werden sollen?
Fragen über Fragen und unzählige Meinungen werfen sich auf. Eins aber ist klar: Eine offene Kommunikation und eventuell sogar das schriftliche Festhalten von Entscheidungen für den Ernstfall erleichtern den Entscheidungsprozess zum Wohle des Tieres.
Immerhin geht es hier um die Frage, ob ein Leben unwiderruflich beendet werden sollte. Auch in einem hektischen Klinik- oder Praxisbetrieb muss sich dafür Zeit genommen werden und eine professionelle und empathische Beratung stattfinden. Dabei sollten Sie gemeinsam die medizinischen Gegebenheiten, die Chancen auf Heilung und den Grad des Lebensqualitätsverlustes einschätzen. Im Sinne Ihres Tieres sollte eine klare Grenze gesetzt werden. Diese Grenze sollte sich immer am Bedürfnis des Tieres orientieren, unabhängig davon, auf welchen Erfahrungen und Prägungen Ihre individuelle Meinung zur Euthanasie basieren.

Denn der menschliche und absolut nachvollziehbare Impuls, den Schmerz des Verlustes noch aufzuschieben, ist für das geliebte Tier sonst schnell mit bitterem Schmerz erkauft.
Und ich glaube, dass wir uns in diesem Punkt einig sind:
Wir wollen doch alle, dass der letzte Atemzug des jahrelangen Lebensbegleiters friedvoll und in Würde geschieht.

Definition und Ablauf einer “Euthanasie”

Die Euthanasie, wie oben schon beschrieben, wird aus dem griechischen von „Eu“=gut; „thanatos“= der Tod mit „der gute Tod“ übersetzt. Es bezeichnet die schmerzfreie Tötung eines Individuums mit dem Ziel, Schmerzen und Leiden zu verhindern oder zu beenden. Das Tier verfällt in einen Zustand des tiefen Schlafes und das Schmerzempfinden wird ausgeschaltet, bevor der Atem- und Herzstillstand
eintreten.

Die Euthanasie wird in der Regel in drei Teilen vollzogen. Die Sedation („beruhigen“, „sinken lassen“) beschreibt den ersten Teil. Hierbei können unter anderem die Beruhigungsmittel Medetomidin, Xylazin, Diazepam, Midazolam, Butorphanol oder Acepromazin eingesetzt werden. Die Medikamente können über einen zuvor geschobenen Venenkatheter, unter die Haut, in den Muskel oder als Tablette verabreicht werden.

Im zweiten Schritt wird die Narkose eingeleitet, die zu einer Bewusstseins- und Schmerzausschaltung, sowie zur Bewegungslosigkeit durch eine Muskelrelaxation führt. Ketamin, Propofol und Alfaxolon sind hier Mittel der Wahl.
Im dritten und letzten Schritt kommt es schließlich zur Euthanasie. Dafür werden entweder Pentobarbital, Embutramid oder teilweise auch Kaliumchlorid appliziert. Das bereits tief schlafende und schmerzfreie Tier verstirbt nun durch die Lähmung des Atemzentrums. In der Theorie tritt der Tod durch Ersticken ein, jedoch wird dieser nicht als solches wahrgenommen. Durch die vorherige Gabe von Sedations- und Narkosemedikamenten kommt es, zu einem ruhigen, endgültigen Einschlafen, dem „guten Tod”.

vetevo Fazit 

Die Verabschiedung vom geliebten Familienmitglied ist immer schmerzhaft. Verständlicherweise. Die Entscheidung sollte immer gut überlegt und in Absprache mit dem vertrauten Tierarzt getroffen werden. Mit der Orientierung an beschriebenem Ablauf und einer ruhigen, vertrauensvollen Atmosphäre kann dem geliebten Tier ein schönes Ableben und würdevolles Lebewohl ermöglicht werden.


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©2018 vetevo GmbH, Torstraße 23, 10119 Berlin

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