Sterilisation, Chip und Co: Kardinalfehler oder echte Alternativen zur Kastration?

vetevo: Alternativen zur Kastration
Alina Küper
Tierärztin bei vetevo

Lesezeit: 6 Min.

Längst ist die Frage "Kastration: Ja oder nein?" nicht mehr so leicht beantwortet, wie noch vor einigen Jahren. Rasse-, alters- oder größenbedingt müssen viele Überlegungen zu Vor- und Nachteilen angestellt und die Entscheidung individuell abgewogen werden.

Die Tiermedizin schreitet immer weiter voran und durch neue Erkenntnisse gibt es nicht mehr „DIE“ eine Vorgehensweise in Hinblick auf die Kastration.
Von intakt über chemisch bis minimalinvasiv: In unserem Artikel möchten wir Sie über die verschiedenen Alternativen zur klassischen Kastration informieren.


Alternativlos: In diesen Fällen muss es die Kastration sein

Akute medizinische Probleme bei denen teilweise sogar sofort eingegriffen werden muss reichen von einer Gebärmutterentzündung, über Mammatumore bis hin zur Diabetes Erkrankung. Eine Pyometra oder auch Gebärmutterentzündung ist als ein absoluter Notfall anzusehen. Diese Erkrankung tritt in zwei Varianten auf. Wenn es sich um eine geschlossene Pyometra handelt, welche sich dadurch kennzeichnet, dass der Muttermund geschlossen ist und das Abfließen von Eiter unmöglich macht, muss operiert werden. Diese OP ist unabwendbar und sollte so schnell wie möglich eingeleitet werden bevor das Organ platzt und sich der Eiter im Bauchraum entleert. Unter diesen Umständen kann es zu einer Sepsis kommen, welche tödlich sein kann.

Im offenen Stadium, bei dem der Muttermund geöffnet verbleibt, wird erst einmal die medikamentöse Behandlung ausgewählt um den Eiter abfließen zu lassen. Allerdings besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass die Symptomatik wieder kommt und den chirurgischen Eingriff unabwendbar macht.
Auch bei Diabetes mellitus, was durch das weibliche Sexualhormon Progesteron ausgelöst werden kann, sprechen sich die meisten Tierärzte für eine Kastration aus. Es kann zu einer Diabetischen Krise kommen, bei der sich das Tier im Schockzustand befindet und auf Insulintherapie angewiesen ist. Auch hier muss schnell reagiert werden! Eine Operation kann allerdings erst nach Stabilisierung eingeleitet werden.

Ein weiteres Indiz zur Kastration sind Eierstockzysten (Ovarialzysten) oder Umfangsvermehrungen (Tumoren) der Eierstöcke, welche im Verdacht stehen, bösartig zu sein.
Auch bei Milchleistentumoren wird häufig empfohlen zu kastrieren, da einige Krebsformen durch den Einfluss von Sexualhormonen schneller wachsen und sich so die Prognose verschlechtert. Allerdings gibt es auch hormonunabhängige Varianten. Sicherheit bei der Entscheidung liefert hier eine pathologische Untersuchung der Krebszellen.
Übergangene Geburten, bei denen ein verbleibender Welpe zu lange in der Gebärmutter verweilt, sind ebenso sehr kritisch zu sehen. Durch das absterbende Gewebe können lebensgefährliche Giftstoffe gebildet werden die langfristig zu Entzündungsreaktionen führen können.


Jetzt kommen wir zu möglichen Alternativen zur klassischen Kastration, die anhand von neuen Erkenntnissen der letzten Jahren in der Tiermedizin in Betracht kommen und sich teilweise etabliert haben.

Aktuelle Erkenntnisse zur Kastration der Hündin finden Sie hier

Alternative 1: Die intakte Hündin

Eine “intakte” Hündin zu haben bedeutet schlicht keinerlei Maßnahmen zur Fortpflanzungsregulation wie Kastration oder Sterilisation zu ergreifen. Diese natürliche Variante ist zwar schonend für das Tier, jedoch bleiben die Hormone unverändert und die Fähigkeit ungewollte Nachkommen zu gebären bleibt bestehen. Ebenso gibt es aufgrund von typischen Verhaltensweisen während der Läufigkeit oftmals Probleme.

Hormone haben einen sehr großen Effekt auf das Leben des Individuums, und somit haben natürlich auch Hündinnen, welche evolutionär darauf programmiert sind sich fortzupflanzen, damit zu kämpfen.
Es kommt immer wieder zu Vorfällen bei denen “Problemhunde” im Zentrum des Ärgers stehen.

Alleinig dieses Indiz zu benutzen um das Tier zu kastrieren ist fraglich zu sehen und rechtlich nach § 6 Abs. 1 S. 1 TierSchG bei Wirbeltieren nicht zugelassen. Um eine Kastration zu verantworten muss es medizinische Beweggründe geben. Andere Ausnahmen sind die Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung aus Gründen des Tierschutzes oder weitere Nutzungen und Haltungen des Tieres. Der letzte Punkt jedoch bezieht sich eher auf die Arbeitswilligkeit, Mastfähigkeit und Fleischqualität von Nutztieren.

Alternative 2: Die chemische Kastration

Seit einiger Zeit steht die chemische Kastration im Zentrum der Aufmerksamkeit. Bisher wurde meist über ihren Einsatz in der Schweinemast diskutiert, allerdings ist dieses Verfahren ebenso eine Kastrationsoption bei unseren häuslichen Vierbeinern. Ähnlich wie bei der Kontrazeption durch die Anti Baby Pille bei Frauen werden hier entweder über eine Spritze oder einen Chip Hormone verabreicht. Doch momentan gibt es keine aussagekräftigen Studien auf die man sich beziehen kann, um für die Hündin das Resultat und mögliche Nebenwirkungen ausreichend abzuwägen.

Bekannte Risiken/Nachteile sind derzeit:
Beim Einsetzen eines Chips zu einem falschen Zykluszeitpunkt kann es zu schweren Komplikationen wie zum Beispiel einer Pyometra kommen. Für die sichere Anwendung ist also Erfahrung gefragt. Ebenso sind die Kosten nicht unerheblich. Gleiches gilt für andere Varianten der chemischen Läufigkeitsunterdrückung. Wegen der Komplikationsrisiken sollten die zurzeit verfügbaren Hormonpräparate nur in Ausnahmefällen als Alternative in Betracht gezogen werden.

Alternative 3: Die Halbkastration der Hündin

Eine weitere Möglichkeit nennt sich „Halbkastration“. Die halbe Kastration ist eine Technik bei der zwar der gesamte Uterus, jedoch nur ein Eierstock entnommen wird. Der zweite Eierstock verbleibt, aufgehangen an seinem Bandhalteapparat, im Unterbauch der Hündin. Einige Spezialisten schwören auf diesen Eingriff, da die Hormone intakt bleiben, die Hündin nicht zur Gewichtszunahme neigt und es keine Inkontinenzprobleme gibt weil der Uterus geschont wird. Läufigkeitssignale sind so minimal, dass sie lediglich der Rüde wahrnimmt. Die Idee hinter dieser Methode ist es die Fortpflanzung zu verhindern aber den Hormonzyklus beizubehalten. Jedoch ist diese Methode stark veraltet und heute ist bekannt, dass es nach dieser Eingriffsart oft zu ernsthaften gynäkologischen Problemen kommt. Zystenbildungen oder tumoröse Entartungen sind kein Einzelfall.

Alternative 4: Die Sterilisation der Hündin

Eine weitere Alternative ist die Sterilisation. Bei der Sterilisation wird lediglich der Eileiter abgebunden. Dadurch gelangen die Keimzellen nicht in das „Nest“ und somit kann keine Befruchtung stattfinden. Da alle Strukturen geschont werden und die Eierstöcke im Tier verbleiben, sind die Hormone unverändert und der Zyklus bleibt bestehen. Bei Hündinnen, die starkes Läufigkeitskeitsverhalten zeigen, wird sich im Normalfall nach dem Eingriff nichts verändern und die oft ungewünschten Verhaltensweisen bleiben bestehen. Leider gibt es keine langfristigen Studien um die Wirksamkeit und Nebenwirkungen abzugrenzen. Allerdings gibt es beschriebene Fälle bei denen es zu Zystenbildungen und Eierstocktumoren gekommen ist. Auch der östrogen- und progesteronbedingte Diabetes ist theoretisch weiterhin möglich. Entsprechend ist die Sterilisation für Hündinnen mit gynäkologischen, sexualhormonbedingten oder anderen medizinischen Problemen, nicht geeignet.

Alternative 5: Minimalinvasive Kastration ohne Endoskop

Eine weitere Methode ist die minimalinvasive Kastration ohne Endoskop. Zwar wird diese meist als schonend beworben allerdings erfüllt eigentlich nur der kleine Schnitt diese Bezeichnung. Alles andere, besonders das Herausziehen der Eierstöcke durch einen Metallhaken, ist eher weniger schonend. Gerade bei jungen Hündinnen ist das Befestigungsband der Eierstöcke so straff, dass für das Vorlagern aus dem Bauch ein starker Zug notwendig wird. Das Risiko für das Reißen der Blutgefäße und damit für unkontrollierte Blutungen ist erhöht.

Alternative 6: Die endoskopische Kastration der Hündin

Zuletzt möchte ich auf eine theoretisch als auch praktisch sehr schonende Methode eingehen: Die endoskopische Kastration. Endoskopie bedeutet, dass man mit Hilfe einer winzigen Kamera das Innere von lebenden Organismen auf einer Art Fernseher betrachtet kann (aus dem altgriechischen „éndon“=innen, „scopien“= betrachten). Durch die fortgeschrittene Medizintechnik und dem Einzug in die Praxen, gehört dieses Verfahren zu den Neuentdeckungen unseres Jahrhunderts. Endoskopische Eingriffe sind bei z.B. Sterilisationen besonders in der Humanmedizin seit geraumer Zeit Goldstandard, aber auch in der Tiermedizin haben sich die kleinen Helfer bereits etabliert. Nicht zu Unrecht! Es gibt sehr viele Vorteile gegenüber klassischer Operationsverfahren. Dazu gehören eine schonende Narkose, minimale Schmerzen, eine schnelle Heilung, geringes Infektionsrisiko und sehr geringe Blutverluste. Ein großer Nachteil jedoch sind die beträchtlichen Kosten die auf den Besitzer zu kommen.

vetevo Fazit: Wofür entscheide ich mich nun?

Das ist leider nicht leicht und sollte gründlich überdacht werden. Jedes Tier ist ein individueller Patient und es gibt nicht “die eine” richtige Vorgehensweise. Deswegen ist es wichtig, dass Sie sich mit Experten in der Tiermedizin abwägen und dann zusammen mit den Bedürfnissen von Ihrer Hündin und Ihnen bewerten. Ein ruhiges Umfeld, transparente und verständliche Infos rund um das Thema Kastration sollten dabei selbstverständlich sein.

Denn das Tierwohl ist komplex zu betrachten. Nehmen Sie sich Zeit eine Entscheidung zu treffen, hinter der Sie stehen. Denn der psychische Aspekt darf nicht unbeachtet werden. Seien Sie für Ihr Tier da, informieren Sie sich unabhängig und fühlen Sie sich sicher bei der Entscheidung, die Sie treffen.

Gerne beraten wir Sie persönlich, ausführlich und unabhängig zur endoskopischen Kastration!


vetevo - Aus Liebe zum Tier.


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