brown labrador lying on blanket looking down

Was ist der Merle-Faktor beim Hund?

Die Merle-Farbe ist heutzutage eine Fellzeichnung, die sehr gerne gesehen wird. Alle bewundern sie – ob Chihuahua-, Australian Shepherd-, Dackel- oder Doggen-Liebhaber. Vielen Hundeliebhabern ist allerdings nicht bewusst, dass die Fellzeichnung nur durch einen Gendefekt entstanden ist.Was es genau mit dieser prächtigen Fellfärbung auf sich hat, erfahren Sie hier.Strahlend blaue Augen und ausgefallene Musterung im FellSie sind schnell, klug und witzig – Der Australian Shepherd ist eine allseits bekannte und momentan eine der beliebtesten Hunderassen in Deutschland. Sie sind treue Begleiter beim Sport, bei Wandertouren und natürlich als Hütehunde ideal geeignet. Die Fédération Cynologique Internationale (FCI) hat in den Rassestandards für diese schönen Hunde folgende Farben festgelegt: Blue Merle, Red Merle, Schwarz und Rot, wobei weiße und kupferfarbene Abzeichen erlaubt sind.Wer schon einmal einem Merle begegnet ist, teilt sicherlich die Begeisterung für diese ausgefallene Färbung. Die Merle-Farbe ist nicht umsonst momentan stark in Mode und bei Züchtern gerne gesehen.Ohne Frage sind die Merles etwas Besonderes und schön anzuschauen.Merle bezeichnet einen Hund, dessen Fell an den normalerweise braun oder schwarz gefärbten Stellen eine deutliche Maserung aufweist. Die meisten Hunde des Merle-Types haben ein oder zwei blaue Augen.Die Schönheit dieser Hunde hat jedoch auch einige Tücken. Denn die Vererbung des Merle-Faktors trägt sehr große gesundheitliche Risiken mit sich. Aber beginnen wir einmal ganz am Anfang...

Was ist der Merle-Faktor genau?Vorsicht, jetzt kommt die Wissenschaft: Mit dem Ausdruck Merle-Faktor bezeichnet man eine Mutation auf dem Chromosom 10 des Hundes. Auf diesem Chromosom liegt das SILV-Gen, auch Silver Locus genannt. Die Vererbung des Merle-Faktors geschieht, indem ein kleines Stück DNA, das eigentlich nicht an diesen Ort im Genom gehört, in den Silver Locus eingebaut wird. Diese sogenannte SINE (short interspersed nuclear element) – Insertion enthält ein mehr oder minder langes DNA Stück, das nur aus einem DNA Baustein (Base Thymin) besteht. Je länger dieses spezielle Stück DNA ist, desto stärker ist die Merle-Färbung ausgeprägt.Der Defekt im SILV-Gen beeinflusst das Pigment Eumelanin, das zusammen mit Phäomelanin für die Fellfarbe verantwortlich ist. Eumelanin sorgt für die schwarze und braune Fell- und Augenfarbe. Wird die Ausprägung von Eumelanin im Körper des Hundes gestört, können sich in verschiedenen Regionen des Tieres keine dunklen Pigmente bilden und das Fell wird hell. So entsteht die heiß geliebte Scheckung im Merle-Fell. Die Bezeichnung „Merle“ ist vermutlich eine Ableitung des Wortes „marbled“ aus dem Englischen und bedeutet „marmoriert“.Phäomelanin wird von diesem Gendefekt nicht berührt. Dieses Pigment bewirkt eine rötlich-braune Fellfarbe, wodurch Areale, deren Farbe von Phäomelanin bestimmt wird, durchgängig rotbraun gefärbt sind.Wie wird der Merle - Faktor vererbt?Der Merle-Faktor wird autosomal intermediär vererbt. Autosomal bedeutet, dass der Defekt nicht auf einem Geschlechtschromosom liegt, die Vererbung also nicht geschlechtsabhängig ist. Mit intermediär beschreibt man, dass das Gen unvollständig dominant ist. Um dies erklären zu können, muss weiter ausgeholt werden.Reinerbiger Merle x Reinerbig Merle- frei 

Der in der Abbildung weiße Hund im Bild mit dem Erbgut (M I M) ist ein reinerbiger (homozygoter) Merle. Das M bezeichnet das Chromosom, das das Defektgen ausprägt. Der Hund besitzt zwei “kranke” Chromosomen und wird höchstwahrscheinlich mit schweren Augenproblemen zu kämpfen haben.Der braune Hund in der Abbildung ist ein reinerbiger (homozygoter) Hund frei von der Merle-Färbung, er trägt das gesunde Erbgut ohne Gendefekt (m I m).Die beiden Hunde werden miteinander gekreuzt und es entstehen vier gemusterte Nachkommen (siehe Abbildungen) mit der Merle-Färbung. Da sie je ein Gen von der Mutter und ein Gen vom Vater erben, sind sie nun mischerbig (heterozygot). Sie tragen ein gesundes m-Gen und ein krankes M-Gen.Nun wird deutlich, wieso der Merle-Erbgang als intermediär bezeichnet wird. Das gesunde und das kranke Gen vermischen sich, wodurch es beim Merle dazu kommt, dass es sowohl normal gefärbte als auch melierte Stellen im Fell gibt.Gefährlich wird es allerdings, wenn man zwei Tiere mit Merle-Scheckung verpaart:Mischerbiger Merle x Mischerbiger Merle

Die beiden gemusterten Elterntiere sind mischerbige (heterozygote) Merles mit Merle Färbung. Jetzt wird es allerdings etwas kompliziert...Die mischerbigen Erbträger übertragen je eine ihrer Gen-Ausprägungen m oder M auf die Nachkommen. Daraus ergibt sich eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, welches Erbgut jeder einzelne Welpe im Wurf erhalten kann.Mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% (Chance 1:4) ist ein reinerbig gesunder junger Hund das Produkt dieser Paarung. Er trägt die Gene (m I m) und ist in der Abbildung braun gefärbt.Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% (Chance 1:2) kann der Welpe ein Merle- Färbung werden, wenn er die heterozygote Genmischung (M I m) erbt , diese Welpen tragen also ein gesundes und ein krankes Gen.Mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% (Chance 1:4) übertragen sich beide kranken M-Gene auf den Nachkommen, sodass dabei ein reinerbiger Merle mit schweren Einschränkungen "entsteht" (weißer Hund in der Abildung)!Diese Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch und deshalb sollten niemals zwei Merle-Tiger miteinander verpaart werden.Das ist die große Gefahr der Züchtung mit Merle-Tigern!Züchter, die die ausgefallene Fellfärbung nicht missen wollen, umgehen die Gefahr, schwer kranke Welpen zu züchten, mit einem besonderen Trick:Mischerbiger Merle x Reinerbig Merle-freiUm in einem Wurf auch Merle-Welpen zu haben, paaren sie einen Hund, der das kranke Gen mischerbig trägt mit einem Hund, der reinerbig gesund ist. 

Dadurch werden die Nachkommen zur Hälfte Merle-Farben (heterozygot) und zur Hälfte braun (homozygot). Somit züchtet man gewollt die Merle-Farbe ohne das Risiko von kranken Welpen.Im Hinblick auf die Gefahren, die die Züchtung der Merles mitbringt, ist aber auch diese Taktik kritisch zu sehen. Wieso erfahren Sie in den nächsten Abschnitten.Die gesundheitlichen Risiken beim Merle-FaktorDie große Gefahr des Merle-Gens offenbart sich, wenn ein Jungtier zur Welt kommt, das den Faktor reinerbig trägt. Verschiedene Augenkrankheiten wie Spaltbildungen der Augenhäute (Kolobome), stark verkleinerte Augen (Mikrophthalmie) oder entrundete Pupillen (Dyskorie) sind die Folge. Meist sind die Welpen blind, teilweise sogar taub. In verschiedenen Fällen traten neben den sehr häufigen Augenfehlbildungen auch Deformationen des Skeletts oder der Geschlechtsorgane und sogar des Herzens auf.Welpen, die mit reinerbiger Merle-Farbe zur Welt kommen, zeigen eine verminderte Lebensfreude und sterben häufig schon vor der Geschlechtsreife.Diverse Studien haben eine Faustregel erstellt, wie man einen Merle-Schecken identifizieren kann: sobald mehr als 50% des Fells weiß gefärbt ist, trägt der Hund das defekte Gen in der Regel reinerbig. Aber wie das in der Natur meist so ist, kann man sich natürlich nicht zu 100% auf solche Regeln verlassen. Es gibt auch „versteckte Merles“. Was damit gemeint ist, erfahren Sie im Abschnitt „Wie gefährlich ist der Merle-Defekt?“.Aber nicht nur die armen “Produkte” unverantwortlicher Züchtungen kämpfen mit dem Schönheitswahn – auch die mischerbig veranlagten Tiere, die die bekannte Merle-Färbung tragen, können von dem Gendefekt nachteilig beeinflusst werden. Einige der Hunde mit Merle-Färbung haben mit Gleichgewichtsstörungen zu kämpfen, was sich vor allem beim Schwimmen äußert. Hier haben die Tiere einen erheblichen Nachteil gegenüber gesunden Artgenossen. Dieses Problem ist darauf zurückzuführen, dass im Innenohr, welches für den Gleichgewichtssinn zuständig ist, Melanozyten zu finden sind. Diese Zellen sind stark pigmentiert und werden so durch den Merle-Faktor verändert. In Tests bezüglich der Hörfähigkeit der Merle-Tiere kam es zu einem erschreckenden Ergebnis: Sogar 37% der augenscheinlich gesunden Schecken leiden unter Störungen der Hörleistung. Generell wurde auch eine erhöhte Sterblichkeit der Jungtiere bei Merle-Würfen festgestellt.Wie gefährlich ist der Merle-Defekt für die Gesundheit?Grundsätzlich kann ein Merle-Schecke ein ganz normales, größtenteils uneingeschränktes Leben führen. Hätte jeder dieser Hunde offensichtliche gesundheitliche Probleme, hätten die Merles sicher nicht den Beliebtheitsgrad erlangt, den sie heute haben.Fakt ist allerdings, dass die Gefahr einer dramatischen Erkrankung besteht und nicht einfach so ignoriert werden sollte. Besonders in den Händen von mehr oder minder informierten Privatleuten birgt die Haltung der Merle-Tiere einige Gefahren. Zu schnell passiert es, dass ein womöglich unwissender Tierliebhaber auf die Idee kommt, seinen hübschen Merle Rüden mit der Merle-Hündin von gegenüber zu verpaaren. So werden unter Umständen sehr kranke Jungtiere zur Welt gebracht, die durch ihre Krankheit auch noch schwer zu vermitteln sind. Statt wie erhofft noch einige Euros für die hübschen Welpen zu bekommen, muss man sich im Fall der Fälle an den Tierschutz wenden und um Hilfe bitten, um diesen Fauxpas wieder auszubügeln. Noch dazu muss man sich mit seinem eigenen Gewissen, Leid ausgelöst zu haben, auseinandersetzen.Selbst wenn man sich etwas im Internet informiert, ist man nicht vor der Gefahr, selbst zum Qualzüchter zu werden, gefeit. Die Information, man solle nicht zwei Hunde mit Merle-Scheckung miteinander verpaaren, findet man beim googeln recht schnell. Leider ist die Sache jedoch nicht so einfach, denn es gibt immer noch die „versteckten“ Merle-Färbungen. Hier gibt es drei Varianten, durch die der Hund nicht als Merle zu erkennen ist, auch wenn er das entsprechende mischerbige Erbgut in sich trägt.Zum Einen gibt es den sogenannten kryptischen Merle. Bei dieser Variante ist die vorhin erwähnte SINE-Insertion so kurz, dass sich die Fehlbildung des Pigments nicht im äußeren Erscheinungsbild des Hundes widerspiegelt. So kann das Tier wie ein normaler schwarzer Australian Shepherd aussehen, das explosive Erbgut allerdings trotzdem in sich tragen. Im schlimmsten Fall wird er also mit einem offensichtlichen Merle verpaart und es entsteht ein Wurf reinerbiger Merle-Welpen.Weiterhin gibt es die Phantommerle. Auch sie sehen aus wie einfarbige gesunde Hunde. Allerdings ist ihr Erbgut mischerbig. Gegebenenfalls überlagert sich aber die Merle-Scheckung mit natürlicherweise weißen Regionen im Fell. So ist der Hund nicht als Merle zu erkennen.Zuletzt gibt es noch ein weiteres Gen, das sich auf die Farbe auswirkt und in Kombination mit dem Merle-Faktor eine gefährliche Mischung ergibt. Der sogenannte e-Lokus, der im Erbgut an einer anderen Stelle als das SILV-Gen liegt, kann das Fell des Hundes gelblich färben, wenn das Merkmal dafür reinerbig vorliegt. Die Gelbfärbung entsteht dadurch, dass nur Phäomelanin im Hund produziert wird. Wer gut aufgepasst hat, zieht nun die Verknüpfung zwischen dem e-Lokus und der Merle-Färbung: Da sich das SILV-Gen nur auf Eumelanin auswirkt und es in einem gelben Australian Shepherd gar kein Eumelanin gibt, ist der Defekt im SILV-Gen nicht zu erkennen. Beim Australian Shepherd sollte dies kein allzu großes Problem darstellen, da die Farbe Gelb bei dieser Rasse unerwünscht ist und so vermutlich kein Züchter auf die Idee kommen würde, mit einem solchen Hund zu züchten. Da aber sowohl der Merle-Faktor als auch der e-Lokus in vielen anderen Rassen vorkommen, die beide Fellzeichnungen dulden, besteht dort eine große Gefahr, dass ein normaler Merle mit einem unkenntlichen Merle verpaart wird. Die Folge: kranke Welpen!Was sagt das Tierschutzgesetz zum Merle-Faktor ?In §11b Absatz 1 des Tierschutzgesetzes ist es „verboten, Wirbeltiere zu züchten […] soweit […] züchterische Erkenntnisse […] erwarten lassen, dass als Folge der Zucht […] bei der Nachzucht […] erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten“.Diese Bedingungen sind beim Merle-Faktor gegeben, zumindest wenn ein reinerbiger Merle entsteht, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 50-100% behindert zur Welt kommen wird. Deshalb ist die Zucht mit Merle-Schecken durch das Tierschutzgesetz verboten.Unter dieses Verbot fällt allerdings nicht, einen mischerbigen Merle-Tiger mit einem Hund ohne den Defekt zu kreuzen. Deshalb wird die Zucht von Merle-Schecken auf diese Weise weiterhin von diversen Zuchtverbänden durchgeführt und als erlaubt gesehen.Schaut man allerdings in das sogenannte „Qualzuchtgutachten“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, sieht die Welt ganz anders aus. In diesem Gutachten spricht das Ministerium eine Empfehlung aus, wie der §11 des Tierschutzgesetzes interpretiert werden sollte und welche Verbote daraus entstehen sollten. Dabei werden verschiedene Erbkrankheiten des Hundes besprochen, darunter auch das „Merlesyndrom“. In dem Gutachten spricht sich das BMEL ganz offensichtlich gegen eine generelle Zucht mit Merle-Tigern aus, da auch bei mischerbigen Merle-Trägern gesundheitliche Risiken erwartet werden müssen. Diese Aussage ist zwar mehr als Empfehlung als als Anordnung zu sehen, dennoch sollte diesem Gutachten mehr Bedeutung zugemessen werden. 

vetevo-Fazit
Die Frage, ob man die Merle-Zucht unterstützen sollte, kommt im Hinblick auf die zuvor beschriebenen Gefahren für die hübschen Schecken zwangsläufig auf.Wieder einmal sind Sie selbst gefragt. Mit viel Bedacht, eingehender Recherche und ausreichend Urteilsvermögen können Sie sich Ihr eigenes Urteil über den Merle-Faktor bilden.Die Merle- Schönheit hat ihren Preis!Und zwar nicht unerheblich: denn es geht um die Gesundheit der Tiere! Letztlich muss man sich zwischen einem ausgefallenen Hund mit Gendefekt und einem gesunden Hund ohne Merle Scheckung entscheiden.Die wichtigste Message dieses Artikels ist klar: “Wer als Hobbyzüchter einen eigenen Wurf Welpen züchten möchte, dem muss eines klar sein... Die Paarung eines Merles mit einem Merle fällt unter Qualzucht und ist laut Tierschutzgesetz verboten!”Wir hoffen, wir konnten Ihnen mit diesem Text einen Denkanstoß zum Thema Merle geben und für Sie das “Geheimnis” der strahlend blauen Augen lüften.vetevo - aus Liebe zum Tier.

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