Hund mit Maulkorb

Maulkorb für Hunde: Lästige Einschränkung oder praktischer Alltagshelfer?

Das Thema Maulkorb ist nicht nur unter Hundehaltern ziemlich umstritten. Während die Einen ihn als unangenehme Einschränkung ihres Vierbeiners empfinden, fordern die Anderen strenge Regeln, die für mehr Sicherheit sorgen sollen. Oftmals wird in dieser festgefahrenen Diskussion vergessen, dass der Maulkorb auch einfach eine große Hilfe für Hund und Halter sein kann.

Um dir einen Überblick über dieses kontroverse Thema zu bieten, haben wir das Wichtigste zu den rechtlichen Regelungen, den Vorteilen des Maulkorbs sowie dem richtigen Einsatz dieses Hilfsmittels zusammengefasst.

Inhaltsverzeichnis:

In welchen Situationen ist der Maulkorb generell Pflicht?

Zum Thema Maulkorb gibt es in Deutschland keine einheitliche Regelung. Ganz im Gegenteil hat jedes Bundesland seine eigenen Regeln, teilweise variieren die Vorschriften sogar zwischen einzelnen Gemeinden.

Dementsprechend gilt: Als Hundebesitzer hast du die Verpflichtung, dich selbstständig über die vor Ort gültigen Vorschriften zu informieren. Die jeweiligen Regelungen findest du auf den entsprechenden Webseiten der Gemeinden.

Dasselbe gilt für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Bei der Deutschen Bahn herrscht für alle Hunde, die zu groß für eine Transportbox sind, Leinenzwang. Auch ein Maulkorb ist hier Pflicht! Nur Blindenführhunde reisen kostenlos und sind von der Maulkorbpflicht befreit.

Regionale Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs haben ihre eigenen Regeln, über die du dich unbedingt vor Nutzung informieren solltest.

Achtung: Bei Nichtbeachtung von Maulkorb - oder Leinenpflicht drohen teils hohe Geldstrafen. Also vergewissere dich sicherheitshalber im Vorhinein, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Der Maulkorb für "gefährliche Hunde"

Für manche Hunde gilt überall außerhalb der eigenen vier Wände Maulkorbpflicht. Das betrifft vor allem Listenhunde, die umgangssprachlich oft als Kampfhunde bezeichnet werden. Die Annahme hinter dieser Regelung lautet, dass von ihnen prinzipiell eine größere Gefahr als von anderen Hunden ausgeht.

Das ist so nicht wahrheitsgemäß: Es ist nicht wissenschaftlich belegt, dass bestimmte Rassen gefährlicher sind. Genetisch bedingt gibt es somit keine “gefährlichen Hunde” - wahr ist allerdings, dass manche Hunde aufgrund ihrer Körper- und Beißkraft als auch einer angezüchteten Tendenz zum Festbeißen im Falle eines Zwischenfalls größeren Schaden anrichten können als andere. Eine immense Beißkraft haben allerdings auch Hunde wie beispielsweise der Schäferhund, die Deutsche Dogge oder der Chow Chow.

Während diese 3 Rassen auf keiner der deutschen Listen zu finden sind, müssen sich Halter von “Kampfhunderassen” sowohl auf höhere Hundesteuern als auch eine Maulkorbpflicht einstellen.

Welche Rassen im jeweiligen Bundesland zu den Listenhunden gezählt werden variiert. Diese werden allerdings in vielen Fällen dazugezählt:
  • Bullterrier
  • Staffordshire Bullterrier
  • American Staffordshire Terrier
  • American Pitbull Terrier
  • Rottweiler
  • Tosa Inu
Zudem können Hunde auch unabhängig von ihrer Rasse als gefährlich eingestuft werden und damit dem permanenten Maulkorbzwang unterliegen. Dies geschieht beispielsweise oft nach schwerwiegenden Beißvorfällen. In diesen Fällen wird der Hund von einem Amtsveterinär begutachtet und infolgedessen eingestuft.

Befreiung von der Maulkorbpflicht

Es gibt die Möglichkeit deinen Hund von der Maulkorbpflicht zu befreien. Hierzu muss dein Hund einen sogenannten Wesenstest bestehen, der je nach Bundesland zwischen 100 bis teils über 300 Euro kostet.

Der Wesenstest hat das Ziel gestörtes Sozial- oder Aggressionsverhalten zu identifizieren. Empfohlen wird ein solcher Test ab einem Hundealter von etwa 15 Monaten. Er besteht aus einer Halterbefragung per Fragebogen, einer körperlichen Untersuchung sowie dem eigentlichen Verhaltenstest.

In Niedersachsen zum Beispiel wird der Hund 50-60 Minuten lang (ohne größere Pausen) verschiedenen Alltags-Stressoren ausgesetzt, die in ihrer Intensität langsam ansteigen. Hierzu zählen neben Fahrradklingeln, Luftballons und Kindergeschrei (vom Band) auch andere Hunde sowie menschliche Statisten, die auf den Hund zugehen, ihn anfassen oder auch anschreien.

Der Hund wird die gesamte Zeit genau beobachtet und gefilmt. Die einzelnen Testsituationen werden anhand einer Skala von “keine aggressiven Signale” bis hin zum aktiven Beißversuch mit einer Beruhigungszeit von über 10 Minuten eingestuft.

Wieso jeder Hund den Maulkorb kennen und bestenfalls lieben sollte

Für Halter von Listenhunden oder als gefährlich eingestuften Tieren ist der Maulkorb also unumgänglich. Aber auch jeder andere Hundehalter sollte den Maulkorb als wichtiges Lernziel für sich und seinen Hund betrachten. Einerseits ist er in gewissen Situationen Pflicht, andererseits kann er eine enorme Alltagshilfe darstellen.

Gerade was den Schutz vor der Aufnahme von Fressbarem oder auch Giftködern anbelangt, kann ein Maulkorb das Leben deines Hundes retten. Natürlich wünschen wir uns, dass der Hund erst gar nichts unerlaubt vom Boden aufnimmt - aber solange er das nicht gelernt hat, müssen wir unseren Hund schützen.

Hinweis: Um einem Hund das Bellen abzugewöhnen, ist ein Maulkorb der absolut falsche Ansatz. Dabei würde dein Hund den Maulkorb als Strafe ansehen und das zugrundeliegende Problem wird eher verstärkt und keinesfalls gelöst.

Hierzu ist es wichtig, die persönliche Einstellung zum Maulkorb erstmal zu hinterfragen. Findet der Halter den Maulkorb schlimm, wird der Hund sich sicherlich auch unwohl fühlen. Ganz im Gegenteil sollte der Maulkorb für den Hund eine schöne Sache und niemals eine Strafe sein. Dafür ist das sogenannte Maulkorbtraining wichtig. Hierbei soll dein Vierbeiner lernen, den Maulkorb mit etwas Tollem (am besten eignet sich dafür Futter) zu verbinden.

Starte das Maulkorbtraining am besten so früh wie möglich und im Idealfall lange bevor der Hund ihn tatsächlich tragen muss. Wenn du deinem Hund in einer sowieso bereits beängstigenden oder ihn überfordernden Situation auch noch plötzlich einen Maulkorb überstreifst, wird dein Vierbeiner das als zusätzlichen Stress empfinden. Solche negativen Erlebnisse erschweren das spätere Maulkorbtraining ungemein und sollten deshalb vermieden werden.

Maulkorbtraining: Deinen Hund an den Maulkorb gewöhnen

Vielleicht fragst du dich nun, wie du deinem Vierbeiner klar machen sollst, dass ein Maulkorb etwas Tolles sein kann. Das ist gar nicht so schwierig: Alles was du dafür brauchst ist ein bisschen Zeit (etwa 4 Wochen) und Engagement, einen passenden Maulkorb und wirklich gute Leckerli.

Hinweis: Was ein gutes Leckerli ist, entscheidest nicht du, sondern dein Hund. Achte mal darauf, was dein Vierbeiner wirklich so richtig lecker findet. Bei manchen Fellnasen reicht bereits das normale Trockenfutter, andere können bei Käse oder Würstchen nicht widerstehen.

Das Training besteht generell daraus, deinem Hund den Maulkorb im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen - aber Achtung, das ganze funktioniert nur in ganz kleinen Schritten.

Schaffe eine positive Assoziation zum Maulkorb

Halte ihn zum Beispiel einfach in der Hand, während du deinen Hund mit etwas sehr Schmackhaftem fütterst oder lege ihn neben euch, während du ihn streichelst. Der Maulkorb soll für deinen Hund sichtbar sein, aber mehr auch nicht. Mache das 4 Mal täglich für 2 Minuten, am besten 2 Tage lang.

Zeige deinem Hund den Maulkorb

Lass deinen Hund an den darauffolgenden zwei Tagen am Maulkorb schnüffeln und belohne jede Interaktion mit einem richtig guten Leckerli. Lobe und bestärke ihn wirklich jedes Mal, wenn er sich interessiert zeigt. Wiederhole auch dieses Vorgehen 4 Mal täglich für 2 Minuten.

Füttere deinen Hund aus dem Maulkorb

Halte den Maulkorb dafür zuerst in der Hand und locke deinen Vierbeiner zum Rand des Maulkorbs, auf dem du Leckereien drapiert hast. Im Laufe der Einheiten liegen die Leckerlis jedes Mal etwas tiefer im Maulkorb, bis du deine Fellnase am Ende durch die Vorderseite des Maulkorbs füttern kannst. So muss er die Nase nämlich eigenständig in den Maulkorb stecken und wird direkt an Ort und Stelle belohnt. Das machst du so lange, bis dein Vierbeiner entspannt aus dem Maulkorb frisst.

Wie immer im Hundetraining gilt: Freu dich über jeden Erfolg und lobe, lobe, lobe. Dieser Schritt kostet viele Hunde ganz schön Überwindung - mach also schön langsam und bleib etwa 3-4 Tage bei diesem Trainingsschritt (4 Einheiten am Tag, jeweils 2 Minuten).

Gewöhne deinen Hund an die Kopfriemen

Wenn bis jetzt alles klappt (falls nicht - sofort einen Schritt zurück gehen), versuche während des Fütterns den Nackenriemen vorsichtig und nur 5-10 Sekunden lang um den Kopf deines Hundes zu legen, sobald seine Schnauze im Maulkorb steckt. Gehe hier ruhig und behutsam vor und schließe den Riemen noch nicht. Auch hier solltest du 4 Einheiten pro Tag einplanen, jede 2 Minuten lang, in etwa 4 Tage lang. Sollte dein Hund Angst oder Abwehr signalisieren, breche sofort ab und strukturiere das Training kleinteiliger und mit mehr Geduld.

Schließe den Kopfriemen

Wenn das alles funktioniert hat, geht es nun darum den Maulkorb vollständig anzulegen. Hierfür gehst du wie oben vor, nur schließt du den Nackenriemen nun während des Fütterns kurz (mehrmals pro Trainingseinheit 5-10 Sekunden). Hierfür hälst du den Maulkorb weiterhin mit einer Hand fest.

Dehne die Tragezeit aus

Die Zeit mit geschlossenem Nackenriemen wird nun in kleinen, am Hund orientierten Schritten ausgedehnt (erst 10, dann 15, dann 20 und dann 40 Sekunden usw. bis zu 5 Minuten lang) und gleichzeitig die Hand, ebenfalls kleinschrittig, vom Maulkorb genommen. Auch hier trainierst du 4 Mal täglich für etwa 2 Minuten mit vielen Belohnungen. Je nachdem, wie kleinschrittig das Training ausfällt, solltest du etwa eine Woche einkalkulieren.

Mache den Maulkorb zu etwas Normalem

Dein Vierbeiner sollte nun den Maulkorb als Teil seines Alltags kennenlernen. Hierfür trägt er ihn jeden Tag mehrmals für anfangs 3 bis hin zu 15 Minuten und achte auf eine langsame Steigerung. Sinnvolle Übungssituationen sind die Wartezeit vor der Fütterung oder dann, wenn es zum Spaziergang nach draußen geht. Auf dem Spaziergang solltest du den Maulkorb auch immer wieder für kurze Zeiten anlegen, damit dein Hund auch draußen gut damit zurecht kommt.

Nun geht es nur noch darum, die Zeiten des Maulkorbtragens langsam zu steigern und ihn zu generalisieren, also in allen Situationen zu etwas Normalem zu machen. Wenn dein Vierbeiner den Maulkorb ohne Probleme 30 Minuten lang trägt, hat er sich daran gewöhnt.

Welcher Maulkorb ist der richtige für deinen Hund?

Wichtig ist, dass der Maulkorb tierschutzkonform ist: Das bedeutet, dein Hund muss Hecheln und Trinken können. Zudem muss er natürlich so fest sitzen, dass dein Vierbeiner ihn nicht einfach abstreifen kann, ohne dabei auf die Hundeschnauze zu drücken.

Achtung: Sogenannte Maulschlaufen gelten rechtlich gesehen nicht als Maulkorb! Sie eignen sich ausschließlich für kurze Untersuchungen beim Tierarzt, da sie den Hund am Hecheln und Trinken hindern und zusätzlich nicht sonderlich sicher sind.

Klassische Maulkörbe gibt es in unterschiedlichen Varianten: aus Leder, hartem oder weichem Kunststoff, aus Metall oder auch aus Stoff. Jedes Material hat seine Vor- und Nachteile und sollte sowohl den Vorlieben des Hundes als auch dem Zweck angepasst werden.

Leder-Maulkörbe sind beispielsweise sehr gut anpassbar, allerdings nicht gut zu reinigen und relativ schwer. Metallmaulkörbe auf der anderen Seite lassen sich gut reinigen und sind sehr bissfest (was im Falle von starker Aggression unbedingt notwendig ist), sind jedoch starr und nicht gut an die individuelle Schnauze anpassbar. Kunststoffmaulkörbe sind meist die sinnvollste Variante: Je nach Hersteller sind sie anpassbar, angenehm zu tragen, leicht zu reinigen und relativ bissfest.

vetevo-Fazit

Zum Thema Maulkorb gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Viele empfinden ihn als ungerechtfertigte Einschränkung und in Sachen der permanenten Maulkorbpflicht für bestimmte Rassen besteht sicherlich dringender Reformbedarf.

Klar ist jedoch auch, dass ein Maulkorb für Sicherheit sorgt: Sowohl für den Hund selbst als auch für andere Tiere sowie Menschen. Mit dem richtigen Training wird deine Fellnase das umstrittene Hilfsmittel richtig gerne haben und kann dich so ohne Probleme fast überall hin begleiten.

Natürlich sollte dein Hund nicht grundlos ständig Maulkorb tragen, da die physische Einschränkung sich im Notfall nicht verteidigen zu können das Sozialverhalten beeinflussen kann. Zudem kannst auch du die Mimik deines Vierbeiners schlechter einschätzen und so unter Umständen Anspannungen oder Stress eher übersehen.

Auch wenn viele Hundehalter dem Thema Maulkorb nach wie vor kritisch gegenüberstehen, lautet unser Fazit: Maulkorbtraining - ja, bitte. Denn jeder Hund sollte für den Fall der Fälle an den Maulkorb gewöhnt werden.

vetevo - Aus Liebe zum Tier.

Quellen:

  1. Maulkorb. In: Schroll S, Dehasse J, Hrsg. Verhaltensmedizin beim Hund. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag; 2016. doi:10.1055/b-004-129975
  2. Halsband, Brustgeschirr, Leine und Maulkorb. In: Schneider B, Döring D, Ketter D, Hrsg. Kleintiere stressarm behandeln. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. doi:10.1055/s-0044-101851
  3. Vorbereitung auf den Tierarztbesuch. In: Schneider B, Döring D, Ketter D, Hrsg. Kleintiere stressarm behandeln. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. doi:10.1055/s-0044-101851
  4. Trainingshilfen beim Hund. In: Schneider B, Ketter D, Hrsg. Verhaltensmedizin bei Hund und Katze. 1. Auflage. Stuttgart: Schattauer GmbH; 2016. doi:10.1055/b-005-148984
  5. Maulschlaufen und -körbe. In: Schwarz S, Hrsg. Physiotherapie für Hunde. 1. Auflage. Stuttgart: Schattauer; 2018. doi:10.1055/b-006-161668
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