Wurmkur doof? Diese Erbkrankheit des Hundes sollten Sie kennen (MDR1-Gendefekt)!

Svenja Kasselmann
Tierärztin bei vetevo

Lesezeit: 7 Min.

Der MDR1-Gendefekt ist eine genetische Erkrankung, die zu einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Medikamenten führt. Besonders Hunde aus der Familie der Collies sind häufig betroffen, aber auch andere Rassen oder Mischlinge können den Defekt tragen. Ein Gentest kann Aufschluss geben und helfen, Medikamentengaben sicher zu gestalten.


Wenn die Wurmkur gefährlich wird

Der MDR1-Gendefekt (oder auch: MDR1-Rezeptor-Defekt) ist eine genetisch bedingte Krankheit, die zu einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Medikamentegruppen (z.B. Narkosemedikamente, Wurmkur-Wirkstoffe) führt.
Entdeckt wurde der Defekt des MDR1-Gens vor einigen Jahren bei Colliehunden: Die Hunde reagierten überraschend empfindlich auf das Antiparasitikum Ivermectin und zeigten schwere neurologische Symptome (Erbrechen, Bewegungsstörungen, Krämpfe, Koma).

Mittlerweile ist bekannt, dass auch Hunde anderer Rassen sowie Mischlinge unter einem Defekt des Gens leiden können- das wird häufig unterschätzt!

Bekannt ist aus bislang durchgeführten Untersuchungen das Vorhandensein des Gendefektes bei Hunden der Rasse (Anteil der Gendefektträger in %):

  • 86% Langhaar Collies
  • 55-57% Kurzhaar Collies
  • 42-65% Longhaired Whippet
  • 20-50% Australian Shepherd 
  • 20-50% Miniature Australian Shepherd
  • 17-30% McNab 
  • exclamation
    7-35% Shetland Sheepdog
  • exclamation
    7-15% English Shepherd 
  • exclamation
    17-19% Wäller 
  • exclamation
    14% Weißer Schäferhund
  • exclamation
    18-30% Silken Windhound 
  • exclamation
    6-10% Deutscher Schäferhund
  • exclamation
    1-11% Bobtail (Old English Sheepdog)
  • exclamation
    2-7% Mischlinge
  • exclamation
    1-2% Border Collie

Vermutet wird die Möglichkeit des MDR1-Gendefektes auch bei Hunden anderer Rassen. Hier müssen allerdings noch weitere flächendeckende Untersuchungen angestellt werden, ehe sichere Aussagen getroffen werden können. Insbesondere als Besitzer eines Hundes, der einer der genannten Rassen angehört, sollten Sie einen Test auf das Vorhandensein des Gendefektes durchführen lassen, um das Risiko zu überschauen.
Die Untersuchung wird im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der JLU Gießen durchgeführt.

Was ist der MDR1-Gendefekt?

Die Genmutation hat zur Folge, dass die so genannten „Multidrug-Resistance-Transporter“ (=MDR1) der Tiere nicht richtig funktionieren. Diese Transporter sitzen unter anderem als Schutzbarriere an den Blutgefäßwänden im Gehirn. Dort sorgen sie als Teil der „Blut-Hirn-Schranke“ dafür, dass die meisten Arzneistoffe und giftigen Stoffe nicht ins Gehirn übertreten können. Durch den Defekt des MDR1-Transporters ist diese Barriere gestört und die Medikamente/Gifte können ungehindert ins Gehirn gelangen. So kann es zu neurologischen Störungen kommen.
Ähnliche Barriereaufgaben übernimmt der MDR1 im Hoden und in der Plazenta. In der Leber, der Niere und dem Darm ist der MDR1-Transporter an der Aufnahme und der Ausscheidung von Medikamenten und Giftstoffen beteiligt.

Außerdem hat der MDR1-Gendefekt Einfluss auf die Wirkung der Nebennieren-Hormone Cortisol und Corticosteron: Deswegen haben betroffene Tiere unter Umständen eine erhöhte Stressanfälligkeit und eine verminderte Regenerationsfähigkeit und zeigen evtl. eine herabgesetzte Schilddrüsenfunktion.

Was sind die Konsequenzen für den Hund?

Folge dieser MDR1-Funktionsstörung ist, dass die Aufnahme und Ausscheidung zahlreicher Medikamente im Vergleich zu Hunden ohne MDR1-Gendefekt verändert ist. So kann es bei bestimmten Medikamenten zu einem gefährlichen Anstieg der Wirkstoffkonzentration im Blut kommen, weil sie nicht wie gewohnt über Leber und Niere ausgeschieden werden können.
Medikamente, die bei MDR1-Gendefekt bekannterweise nicht/ mit Vorsicht verabreicht werden dürfen, sind:

  • Loperamid (Imodium®)
  • Makrozyklische Laktone bei Gabe in Tablettenform (Antiparasitika = Wurm- bzw. Flohmittel wie Animec®, Chanectin®, Diapec®, Ecomectin®, Equimax®, Eraquell®, Furexel®, Hippomectin®, Ivomec®, Noromectin®, Paramectin®, Qualimec®, Vectin®,Virbamec®, Dectomax®, Cydectin®, Equest®)

Medikamente, bei denen eine Beeinflussung durch den MDR1-Gendefekt vermutet wird, sind:

  • Zytostatika
  • Arrow Circle Right
    Antiepileptika
  • Arrow Circle Right
    Steroidhormone
  • Arrow Circle Right
    Opioide
  • Arrow Circle Right
    Cyclosporine
  • Arrow Circle Right
    Herzglycoside
  • Arrow Circle Right
    Antiviral-wirksame Substanzen
  • Arrow Circle Right
    Antiemetika
  • Arrow Circle Right
    Einige Antibiotika (z.B. Erythromycin) und Antimykotika
  • Arrow Circle Right
    Acepromazin (Vetranquil®)

Diese Medikamente sollten nur bei entsprechender Notwendigkeit und nur in der angegebenen Dosis und Darreichungsform verabreicht werden. Auf keinen Fall darf eine Überdosierung erfolgen.

Weitere Infos zum Thema Wurmkur finden Sie hier

Was sollte ich beim MDR1-Gendefekt beachten?

Festgestellt werden kann der MDR1-Gendefekt mit Hilfe einer Blutuntersuchung bereits im Welpenalter. Dabei können drei unterschiedliche Ergebnisse herauskommen:

  • N/N: Der untersuchte Hund trägt das defekte/mutierte Gen überhaupt nicht und kann es auch nicht weiter an seine Nachkommen vererben. Der Hund hat kein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen.
  • MedApps
    N/MDR1: Der untersuchte Hund trägt ein defektes und ein gesundes Gen. Man bezeichnet ihn als „heterozygotes Trägertier“. Entsprechend kann er das defekte Gen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% an seine Nachkommen weitervererben. Das gesunde Gen schafft zum Defektgen einen gewissen „Ausgleich“. Nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft können Unverträglichkeiten mit den problematischen Medikamenten mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftreten.
  • MedApps
    MDR1/MDR1: Beide Gene des untersuchten Hundes sind defekt. Das bedeutet, er ist ein reinerbiges, homozygotes Trägertier. Entsprechend überträgt er die Genmutation auf alle seine Nachkommen. Bei MDR1/MDR1-Hunden können nach Verabreichung der oben genannten Wirkstoffe Vergiftungserscheinungen auftreten und ihr Einsatz sollte entsprechend gut abgewogen werden.

Um das Risiko für Ihren Hund einschätzen zu können, sollten Sie als Besitzer eines Hundes einer häufig betroffenen Rasse oder eines Mischlings mit unbekannten Rasseeinflüssen einen Gentest auf den MDR1-Gendefekt durchführen lassen.
Vor dem Hintergrund der negativen Folgen für MDR1-Gendefekt-Träger sollte bei der Zuchtauswahl entsprechend auf eine sinnvolle Selektion geachtet werden. Durch den konsequenten Ausschluss von MDR1- Gendefekt-Trägern aus der Zucht kann langfristig erreicht werden, dass keine Welpen mit dem defekten MDR1-Transporter mehr geboren werden.

Zur Einschätzung des Risikos ist eine Genbestimmung bei Hunden besonders häufig betroffener Rassen sinnvoll. Wichtig ist jeden behandelnden Tierarzt darüber zu informieren, wenn Ihr Hund Defektgenträger ist. Bei der Verwendung der genannten Medikamentenwirkstoffe ist streng auf Dosierung und Darreichungsform zu achten, eventuell ist eine Dosisverringerung notwendig.
Bei der Wurmkur sollten Sie sich über die Möglichkeit zur regelmäßigen Kotuntersuchung informieren, um die Anzahl verabreichter Wurmkuren weitestmöglich zu reduzieren.
Informationen zur Kotuntersuchung finden Sie hier!

Insbesondere bei Hunden, die Kontakt zu Pferden haben, muss darauf geachtet werden, dass der (mögliche) MDR1-Defektträger keine Pferdeäppel aufnimmt. Diese können den Wirkstoff Ivermectin in für den sensibilisierten Hund schädlichen Mengen enthalten.


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