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Die Kurznasigen Hunderassen - Brachycephalie (Atemnot) Syndrom bei Hunden

Warum schnarcht, röchelt, hustet und würgt mein Hund denn so? Viele Hundebesitzer wissen nicht, dass Atemnot und Schweratmigkeit berühmt berüchtigte Symptome bei Hunderassen wie Mops, Frenchi und Co sind. “Wie niedlich er doch schnarcht!” Diese vermeintliche Niedlichkeit geht jedoch auf kosten der Hunde. Vom Tierarzt hört man manchmal scherzhaft den Satz: “Der Hund hat Mops.” Denn die süße kleine Nase (Brachycephalie) ist das Übel vielen Leidens! Und wer schwer atmet, der ist meistens auch kein “Sport-Ass”. Der vermeintliche Charakterzug der “Gemütlichkeit” ist also in Wirklichkeit eine gesundheitliche Einschränkung (Pathologie) die durch fragwürdige Zuchtprogramme entstanden ist.

Inhaltsverzeichnis:

Was bedeutet Brachycephalie bei Hunden?

Der Begriff Brachycephalie bedeutet Kurzköpfigkeit und beschreibt eine züchterisch gewollte Verkürzung des Gesichtsschädels bei einigen Hunderassen. Mit diesem Zuchtziel soll das Erscheinungsbild junger Welpen nachgeahmt werden was auch das „Kindchenschema“ genannt wird. Auch Katzenrassen wie unter anderem die Perserkatze und die Britische Kurzhaarkatzen gehören brachycephalen Züchtungen an.

Wie äußert sich das Brachycephale Syndrom bei meinem Hund?

Als brachycephales Syndrom werden alle gesundheitlichen Einschränkungen zusammengefasst, die aus der Kurzköpfigkeit resultieren, insbesondere jene, die zu Atemproblemen durch die Verengung der oberen Atemwege führen. Das deutlichste Symptom des brachycephalen Syndroms ist wohl das Schnaufen, Röcheln, Schnarchen oder Grunzen von Mops, Französische Bulldogge und Co. Es handelt sich hierbei um das Geräusch der Einatmung (inspiratorische Geräusche), welches durch die Verengung der Atemwege zustande kommt und zu Atemnot führt.

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Ursachen für die Verengung der Atemwege bei brachycephalen Rassen

  • Das zu lange Gaumensegel im Rachen des Hundes behindert den Kehldeckel in seiner freien Bewegung, vor allem beim Hecheln. Die Luftröhre wird sozusagen davon verdeckt, wie Klarsichtfolie über dem Mund. Damit atmet es sich nicht leicht.
  • Die zu kleinen Nasenlöcher machen das Einatmen schwer (hoher inspiratorischer Widerstand).
  • Oft haben die kurznasigen Hunde einen kleineren Luftröhrendurchmesser (Trachealdurchmesser), der ebenfalls zur Verengung der oberen Atemwege führt. Außerdem kommt es nicht selten zum “in sich Zusammenfallen“ der Luftröhre (Trachealkollaps), dank der zu weichen Stützstrukturen.
  • Außerdem weisen die brachycephalen Rassen abnormal geformte, bis stark verkürzte und abgeflachte Nasenmuscheln auf, was die nasale Atmung zusätzlich erschwert. Die Nasenmuscheln befinden sich an der seitlichen Wand im Inneren der Nase, sind gut durchblutet und dienen somit der Temperaturregulierung. Über ihre feuchte Schleimhautoberfläche wird zu einer optimierten Wasserdampfsättigung der Atemluft beigetragen. Wenn diese nun verkümmern, behindert dies die Wärmeabgabe.
Alle genannten Atemwegsverengungen führen zu einem Endresultat: Atemnot. Der Hund kompensiert diese Atemprobleme mit einem verstärktem Ansaugen der Luft beim Atmen. Vor allem bei Nasenatmung entsteht eine angestrengte (forcierte) Einatmung, welche die Schleimhäute der Nasenmuscheln reizt, die daraufhin verdicken (Hypertrophie) und die Atemwege zusätzlich verengen. Dieses Phänomen, wenn die “Nase zu ist” bei einer Erkältung oder Allergie, kennen Sie bestimmt auch! Genauso wie wir in solch einem Fall durch den Mund atmen, geht auch der Hund zur Maulatmung über. Hier gibt es das nächste Problem: durch den erzeugten Unterdruck kann es sogar zum Kehlkopfkollaps kommen.

Schädigungen der Augen und sogar totale Erblindung

Zum “Kurznasensyndrom” (brachycephales Syndrom) gehört unter anderem auch, dass durch die Veränderung des Gesichtsschädels die Augenhöhlen abgeflacht sind. Dadurch sind die Augen weniger geschützt und die Hunde haben die “niedlichen Glubschaugen”. Im Ernstfall kommt es zum Vorfall der Augäpfel (Exophthalmus). Wie auch bei klassischen “Faltenhunden” bilden sich (durch die überschüssige Haut) Hautfalten auf dem Nasenrücken, die Auslöser für schmerzhafte Hautentzündungen sein können. Zusätzlich bewirken diese Falten auch oft das Einrollen der Augenlider (Entropium). So entsteht eine ständige Reibung der Haare auf der Hornhaut. Beides bewirkt, dass die Lidspalte nicht mehr geschlossen werden kann und das Auge ungeschützt ist. Folgen sind die Austrocknung oder sogar Pigmentierung der Hornhaut. Der Hund kann dadurch erblinden! Auch Schielen wird oft beobachtet. Folgen sind eine Einschränkung des Sichtfeldes und somit ein herabgesetztes Sehvermögen. Zu “guter” Letzt kann die deformierte oder nicht vollständig ausgebildete Schädeldecke zu Gehirnschädigungen führen.

Zahnschmerzen, Epuliden und Karpfengebisse bei den kurzköpfigen Rassen

Durch die Verkürzung des Oberkiefers schließt das Gebiss nicht richtig. Die Hunde haben Probleme beim abbeißen und die kreuz und quer wachsenden Zähne können zu Zahnschmerzen und zu entzündlichen Einbissen ins Zahnfleisch führen. Außerdem haben brachycephale Rassen eine Neigung (Disposition), Hautwucherungen (Epuliden) auszubilden. Das sieht nicht nur unschön aus, sondern riecht meist auch nicht sonderlich gut! 

Bandscheibenvorfall beim Mops, der Französischen Bulldogge und anderen

Nicht nur das Syndrom der Kurzköpfigkeit, das “Brachycephale Syndrom”, macht diesen Hunden zu schaffen, auch Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen sind zu beobachten. Besonders der Bandscheibenvorfall bei Mops und Französischer Bulldogge sind häufige Erkrankungen, die beim Tierarzt erkannt werden! Spezialisten haben nachgewiesen, dass der Bandscheibenvorfall in direkter Verbindung mit dem züchterisch “gewollten” Rassemerkmal des Ringelschwanzes steht. Grund seien die dadurch veränderten und gestauchten Wirbel, die meist im unteren Rücken Schmerzen bereiten und sogar Lähmungen zur Folge haben können.

Der Kaiserschnitt bei meiner Bulldogge: immer öfter gesehen!

Achtung Qualzucht! Wenn eine Bulldogge Mama wird, dann kann es sehr schnell sehr gefährlich werden! Denn die ungeborenen Bulli Welpen haben schon vor der Geburt einen “Dickschädel”! Und damit ist leider nicht gemeint, dass sie einen starken Willen haben, auf die Welt zu kommen, sondern durch den breit gezüchteten Kopf gerne mal im Geburtskanal der Hündin stecken bleiben. Bei Bulldoggen ist somit eine natürliche Geburt wirklich problematisch und oftmals wird routinemäßig ein geplanter Kaiserschnitt durchgeführt. Hobbyzüchter wissen oftmals nicht über diese Gefahr Bescheid. Außerdem sollte man darüber nachdenken, ob man diese Tiere weiterhin vermehrt und “Gott spielt”? Denn auf natürliche Weise würden sie aussterben bzw. nur die mit einem kleineren Kopfumfang eine Überlebenschance haben.

Wie kann ich meinem Hund helfen, wieder frei zu atmen?

Das Brachyzephalie Syndrom verläuft progressiv, das heißt die klinischen Symptome nehmen mit dem Alter zu und sind in der Regel ab einem Alter von etwa 12 Monaten am deutlichsten ausgeprägt. Bei einer Total-Baustelle gibt es gleich ein, zwei oder sogar viele Gründe beherzt einzugreifen! OP Möglichkeiten werden ab dem zarten Alter von sechs Monaten angeboten und verbessern die Lebensqualität der betroffenen Rassen oft sehr.

Diagnose - Wie stellt man eine Schweratmigkeit fest?

Nach einem ausführlichen Gespräch (Anamnese) wird eine gründliche klinische Untersuchung vorgenommen. Dabei werden auch die Nasenlöcher untersucht und die Lunge und Herz des vierbeinigen Patienten abgehört. Anschließend werden eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs und eine endoskopische Untersuchung von Rachen und Luftröhre durchgeführt. Damit wird der Durchmesser der Luftröhre und Veränderungen der Lunge überprüft. Die Nasenmuscheln und eventuelle Gebissfehlstellungen können oftmals genauer durch Computertomographie (CT) dargestellt werden. Immer öfter wird auch eine Belastungsuntersuchung gemacht, bei der geschaut wird, wie gut oder schlecht der Hund nach Aktivität atmen kann. (Ähnlich zu einem Belastungs EKG beim Menschen für das Herz).

Der chirurgische Eingriff: “Atemnot-OP”

Durch die kurze Nase, die trotzdem noch alle Strukturen einer langen Nase aufweist, gibt es einfach zu wenig Platz. Das Schnarchen und Röcheln bei Mops und Co. kann durch eine sogenannte Gaumensegel OP gestoppt oder zumindest verbessert werden. Unter Narkose kann nun die Nasenhöhle, die Mundhöhle, der Kehlkopf und das Gaumensegel genau angeschaut werden. Die Kosten für eine solche OP sind zwar nicht ganz ohne und gehen über die tausender Grenze (auch abhängig davon, was bei der OP gekürzt und entfernt werden muss). Dennoch mit dem erfreulichen Resultat, dass der schweratmige Hund wieder besser atmen kann.

Gaumensegel OP als Goldstandard bei brachycephalen Rassen

Eine sehr bekannte Vorgehensweise ist die LATE (laser assistierte Turbinectomie), welche von Professor Dr. Gehard Öchtering aus Leipzig entwickelt wurde. Es handelt sich um einen minimalinvasiven Eingriff, bei dem das überschüssige Gewebe im Nasenrachenraum mit einem Laser unter endoskopischer Kontrolle entfernt wird. Bei dieser laser-assistierten Gaumensegel Op wird, je nach Einengung der Atemwege des Patienten, eine Gaumensegelkürzung, eine Nasenlöcher- Vergrößerung und Schleimhautentfernung in den Nasenmuscheln vorgenommen.

Die Kehlkopfstabilisierung (Laryngoplastik)

Bei der Laryngoplastik geht es darum den instabilen Kehlkopf, einen sogenannten Kehlkopfkollaps, zu stabilisieren. Er wird zuerst von seinen anliegenden Muskeln und Bändern gelöst. Anschließend wird er in einer neuen, offeneren Position fest genäht (Kehlkopfversteifung). Der Eingang wird dabei vergrößert. Der Eingriff kann zu sehr guten Resultaten führen! Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die tragenden Anteile des Kehlkopfes eine gute Stabilität haben. Leider kann diese Einschätzung allerdings erst während oder nach dem Eingriff gemacht werden. Kann das Gaumensegel nach der “Anti-Schnarch-OP” wieder nachwachsen? Ja, leider kann das überschüssige Gewebe langsam wieder nachwachsen. Dann muss der Eingriff (regelmäßig) wiederholt werden. Einen dauerhaften Erfolg kann leider nicht garantiert werden. Jedoch wird es Dir dein Hund danken. Denn “Freiatmigkeit” ist schon was nettes. Und Spazieren gehen kann man damit auch viel besser! Die Lebensqualität wird ohne Frage hoch gesetzt. 

Die Narkose - ein Risiko für die Plattnasen

Nach der gründlichen Anamnese und Untersuchung wird die Narkose eingeleitet, bei der Dein Hund künstlich beatmet wird (Intubation). Gerade weil die Narkose ein unnatürlicher Zustand ist und deswegen immer ein Narkoserisiko mit sich bringt, ist es bei den Kurzköpfigen umso wichtiger unbedingt eine Inhalations- und keine Injektionsnarkose anzuwenden. Die brachyzephalen Hunde haben ein höheres Narkoserisiko und die Inhalationsnarkose ist in diesem Fall viel sicherer und besser zu überwachen. Die Höhe des Risikos richtet sich nach dem Gesundheitszustand und Alter des Tieres. Hunde mit Kurzköpfigkeit stellen unter anderem durch ihre engen Atemwege zusätzliche Anforderungen an die Überwachung während der Operation. Deswegen sollte die Narkose so kurz wie möglich gehalten werden, um die Reizung des Atemtraktes durch die Intubation so gering wie möglich zu halten. Außerdem soll unbedingt eine Inhalations- und keine Injektionsnarkose angewendet werden da diese viel sicherer und besser zu überwachen ist.

Nachsorge nach der Brachycephalen Atemnot Operation

Nach der Operation wird Dein Hund ein paar Tage auf der Station behalten, um die Atemung zu überwachen (Narkosenachsorge) und ihn mit Sauerstoff zu versorgen. Außerdem wird überprüft ob alles “funktioniert”. Jetzt kommen wir zum wichtigsten Punkt: Wie bei uns Menschen ist die Genesung nach einer Operation sehr wichtig für den Erfolg. Da unsere quicklebendigen Kurnasenrassen das oft nicht ganz so genau nehmen, müssen wir Menschen ihnen gewissenhaft zureden. Daher ist 14 Tage strikte Ruhe angesagt! In dieser Phase muss die Belastung so gering wie möglich gehalten werden. Rennen, Spielen und starkes Hecheln sind absolut tabu! Außerdem sollte darauf geachtet werden während der ersten 4 Wochen nur weiches Futter zu geben. Auf Kauknochen, Kauspielzeuge und Spielereien sollte ebenfalls unbedingt verzichtet werden!

Die Zucht mit brachycephalen Hunderassen

Von der Zucht mit schlecht atmenden Hunden muss dringend abgeraten werden! “Qualzucht- Alarm”! Denn die Ursachen für die Kurzköpfigkeit liegt in den Genen des jeweiligen Tieres. Bei den Nachkommen von sehr kurznasigen Hunden wird es zu fast 100%iger Sicherheit wieder kurze Nasen geben. Denn die Gene werden durch die Operationen nicht beeinflusst. Das bedeutet, dass in der Nachkommenschaft eines Tieres mit Atemproblemen dieselben oder sogar schlimmere Atemprobleme auftreten können. Dieses züchterische Ziel was mit gesundheitlichen Einschränkungen (Deffektzüchtung) einhergeht sollte unbedingt verhindert werden und ist gesetzlich eigentlich schon längst verboten! Besonders bei den brachycephalen Rassen gilt: “Augen auf beim Welpenkauf!” Mache eventuell eine Ankaufsuntersuchung und lass Dir einen Belastungscheck und Zeugnis der Elterntiere zeigen!

vetevo-Fazit

Fakt ist: Tiere mit dem Brachycephalen Syndrom (BCS) gehören zu den Qualzüchtungen und tendenziell werden sich die Symptome der Brachyzephalie verstärken! Was also tun? Bei Röcheln, Schnarchen und hörbarer Schweratmigkeit (dazu zählt auch vermehrte Maulatmung weil die Nasenatmung öffentlichlich schwer fällt) sollte Dein Hund von einem Tierarzt untersucht werden! Denn nur ein Tierarzt kann einschätzen wie stark das brachycephale Syndrom ausgeprägt ist und ob weitere Behandlungen oder eine OP eingeleitet werden sollten. Sehr viele Hunde profitieren von der chirurgischen Korrektur der Atemwege. Sie schnarchen weniger bis gar nicht mehr, können besser atmen und die Gefahr eines Hitzschlages ist deutlich reduziert.  Irrtümlicherweise kursiert oft die Meinung “Das ist halt so bei Mops und Co., man kann eh nichts machen.” Doch, diese rassespezifischen Missbildungen der Atemwege können behandelt werden. Nach der neuesten Studie wurde bei ca 50% der untersuchten Hunde eine Laser-OP (LATE) angeraten, durchgeführt und resultierte mit sehr guten Ergebnissen. Die betroffenen Hunde danken es ihren Besitzern. Eine Operation kann die Lebenserwartung erhöhen und Atemprobleme deutlich verbessern, allerdings muss jedem Besitzer bewusst bleiben, dass eine Heilung der eigentlichen Ursache ist nicht möglich ist! Der Kopf und die Nase werden immer kurz bleiben. Daher ist hier zusätzlich und vor allem ein zuchthygienischer Ansatz gefragt, der diesen Tieren viel grundlegender und nachhaltiger helfen könnte. Die traditionellen Zuchtziele sollten hinterfragt, überprüft und angepasst werden! 

vetevo - Aus Liebe zum Tier.

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